Der argentinische Tango und seine Verwandten Milonga & Vals
© Melina Sedó & Detlef Engel • www.tangodesalon.de
Der argentinische Tango
...ist mal elegant und mal rustikal, dabei aber immer weich und nie "zackig". Wie seine Musik. Tangos werden "mit Seele" gespielt und getanzt. Der Tango läßt sich in kein Schema pressen, er lebt von der Kreativität und Persönlichkeit der Tanzenden und zeichnet sich durch eine große Stilvielfalt aus. Dies bedeutet jedoch nicht Chaos: Der Argentinische Tango verbindet Menschen aus aller Welt, gleich welchem Stil sie sich verschrieben haben. Einer davon ist ...
Der Tango de Salón
Er entwickelte sich in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts und verzichtet auf Akrobatik und Choreografien. Damit ist er klar vom Bühnentango abzugrenzen. Der Tango de Salón bezaubert durch seine Eleganz und die innige Umarmung des Paares. Inzwischen tanzt man ihn weltweit in den Ballsälen, den Milongas, auf der Straße. Einfach überall, immer in der "Ronda" mit der größtmöglichen Rücksicht auf die Partnerin und die anderen Paare.
Der Tango de Salón kommt ohne Klischees von "brennender Leidenschaft" oder "Unterwerfung" aus. Im Vordergrund stehen das Genießen und das gefühlvolle Zusammenspiel des tanzenden Paares mit der Musik.
Die Milonga
Die Vorläuferin des Tango im schnellen 4/4 oder 2/4 Takt verwendet die gleichen Grundelemente -aber eigentlich ist sie ein ganz anderer Tanz. Schon ihr Ausdruck unterscheidet sich vom oft schwermütigen Tango: Die Milonga ist fröhlich und rustikal. Sie ist ein „erdiger“ Tanz, in dem der Rhythmus die Tanzenden vorantreibt. In der Milonga treten die afrikanischen Einflüsse deutlich hervor, die über den Candombe in die Tänze der Länder am Rio de la Plata eingegangen sind. Bei der „Milonga con traspié“ sind komplizierte Figuren nicht notwendig -auf die lebendige Interpretation der Musik kommt es an und Traspiés erlauben es, Dynamik auf engstem Raum auszuleben. Übrigens: Der Begriff „Milonga“ bezeichnet neben dem Tanz auch einen Ort, an dem Tango getanzt wird, bzw. die Tanzveranstaltung selbst. In Buenos Aires nennen sich die traditionellen Tangotänzer Milongueros. Aber Vorsicht: Eine Milonguita ist ein „leichtes Mädchen“!
Der Vals
Als jüngste der drei Tangoformen ist der "Vals criollo" oder "Vals cruzado" auch die europäischste unter ihnen. Eine Legende sagt, er sei daraus entstanden, daß die Einwanderer aus Europa ihre Walzer immer schneller spielten. Bald zu schnell, um darauf im Walzerschritt zu drehen, so dass man anfing, Tangoschritte zur Musik zu tanzen. Der Vals verwendet die tänzerischen Grundelemente des Tango, aber er wird wie der Wiener-Walzer im 3/4 oder 6/8 Takt getanzt, wobei seine ganz besondere Rhythmusstruktur auf unterschiedliche Arten interpretiert werden kann. Drehungen am Platz oder durch den Raum spielen eine große Rolle und alles Abgehackte oder abrupte Stops werden vermieden: Im Vals gleitet das Paar schwebend übers Parkett -ein romantischer und eleganter Tanz. Übrigens: Das "criollo" (kreolisch) bezieht sich auf die meist spanisch-stämmigen Einheimischen, deren Vorfahren im späten 19. Jahrhundert nach Argentinien kamen und sich dort mit der indianischen Bevölkerung vermischten. "Cruzado" bedeutet nicht nur "gekreuzt", sondern auch "verrückt". Und: Valsecitos (Walzerchen) sind üblicherweise sehr schnelle Valses.
Eine sehr kurze Tango-Geschichte
Der Begriff Tango bezeichnet gleichzeitig einen Musikstil, eine Liedform und einen Tanz. Musikalisch gesehen vereint er die Einflüsse der kreolischen Volkslieder, der ländlichen Milonga, der kubanischen Habanera, des aus Spanien stammenden Tango Andaluz, des Candombe der Schwarzen und der Volksmusik der Europäer in sich. So entstand am Ende des 19. Jahrhunderts in Uruguay und Argentinien der Tango als Musikform. Wer genau den ersten Tango getanzt hat, weiß man nicht, aber mit großer Sicherheit waren es einfache Leute aus den Vorstädten. Dort lebten unzählige Menschen, oft arme Männer ohne Familien: Einwanderer, landlose Gauchos, Italiener und Deutsche... Ein akuter Frauenmangel herrschte und die Prostitution blühte. Der Tango wurde in den Höfen, Straßen und auch in den Bordellen getanzt, zum Üben erst einmal unter den Männern. Schließlich galt es, eine der wenigen Frauen zu erobern, und der Tango war ein wirksames Mittel, "ihr" zu imponieren. Manch ein Mann jedoch blieb alleine oder wurde wegen eines reicheren Rivalen verlassen. Viele alte Tangos erzählen von der Einsamkeit dieser Männer und viele Tango-Klischees stammen aus diesen Anfangsjahren. Bei den Reichen und Gebildeten war der Tango zu Beginn verpönt. Erst als der Tango um 1912 in Paris boomte, wurde er nach und nach von der argentinischen Oberschicht angenommen. Und in den dreißiger Jahren war er dann endgültig gesellschaftsfähig. Während er sich in Europa in den folgenden Jahren zu einem völlig anderen Tanz entwickelte, blieb er in Argentinien seinen Ursprüngen nahe und kam Anfang der 80er Jahre im Gefolge der großen Tangoshows erneut als Argentinischer Tango nach Europa, nun neben dem Standardtanz existierend.
Der Tango - ein getanzter Dialog
Der Tango entsteht in jedem Moment aufs Neue. Diese Improvisation wird durch eine deutliche Verteilung der Rollen im Tanz möglich. Ein Partner führt und der andere folgt. Üblicherweise sind dies Mann und Frau. Mit Dominanz und Unterwerfung hat das nichts zu tun. Beide Partner tragen gleichermaßen zum Gelingen des Tanzgenusses bei. Der Mann ist dabei rücksichtsvoll und versucht, seiner Partnerin ein angenehmes Erlebnis zu bereiten. Er interpretiert die Musik kreativ, gibt also Art und Tempo der Bewegung vor, wartet dann aber darauf, dass die Partnerin sie auf ihre Weise ausführt. Man könnte also sagen: Er schlägt eine Bewegung vor. Die Partnerin erspürt aufmerksam seine Führungsimpulse und folgt aktiv. Sie setzt seinen Vorschlag in eigene Bewegung um und unterstreicht diese mit Verzierungen. Ein ständiger Dialog, bei dem Gesten und Sprache überflüssig sind. Im Idealfall ein perfekter Genuss, bei dem die folgende Person ihre Augen schließt, um nur noch die Musik und die Umarmung zu fühlen.
Ein Tango-Glossar
• Arrabal: „Vorstadt“ • Bandoneon: Accordeonähnliches diatonisches Instrument, vom Deutschen Heinrich Band entwickelt und um 1900 nach Argentinien gekommen • Base: Der Tangogrundschritt, falls es so etwas überhaupt gibt; es existieren diverse Variationen im parallelen und eine im gekreuzten System • Barrio: „Stadtteil“ • Con Luz: „mit Licht“, Tanzen mit einem gewissen Abstand zwischen den Partnern • Conventillo: Massenunterkunft im Buenos Aires des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts • Cortes: Choreographische Stops der frühen getanzten Tangos • Cortina: „der Vorhang“, kurze Musikeinspielung, meist kein Tango, zwischen den Tandas • Epóca gloriosa: „glorreiche Epoche, goldene Ära des Tango in den 30er und 40er Jahren • Gancho: „Haken“, „Ausschlagen“ des Unterschenkels, da das Bein sich in einer Rückwärtsbewegung befindet, am Oberschenkel jedoch gestoppt wird • Gekreuztes System: Mann und Frau gehen mit dem gleichen (also linkem oder rechtem) Fuß • Giro: Drehung (meist der Frau um den Mann) • Guardia joven: „junge Garde“, Musiker der neuen, zeitgenössischen Generation • Guardia nueva: „neue Garde“, Erneuerer des Tango bis in die Goldene Ära (30er bis 40er Jahre) • Guardia vieja: „alte Garde“, Orchester der frühen Jahre 1895-1917 • Lapis: Fuß zeichnet am Boden einen Kreis oder Halbkreis • Lunfardo: Sprache der Porteños, Spanisch mit Ausdrücken der Gaunersprache, Phantasieschöpfungen und Worten fremder Sprachen versetzt • Milonga: 1. schnellere, im 4/4 Takt getanzte Vorform und Verwandte des Tango und 2. eine Tanzgelegenheit (Tangoabend) • Milonguero, Milonguera: Tangotänzer(in), traditionell, auf den Milongas in Buenos Aires zu finden • Milonguita: nicht Milongatänzerin sondern Frauentyp in Liedern, oftmals rebellisch, oft Prostituierte • Mirada: Aufforderungsmethode durch Blickkontakt, in Buenos Aires fast aussschließlich angewandt • Ocho: Grundelement, bei dem mit den Füßen am Boden eine 8 (Ocho) gezeichnet wird, kann rückwärts oder vorwärts getanzt werden • Orquesta tipica: Typische Orchesterformation des Tango, klassisch als Sextett (Kontrabass, 2 Bandoneons, 2 Geigen, Klavier) • Paralleles System: Mann und Frau gehen mit unterschiedlichen Füßen, Füße bewegen sich also parallel • Porteño: Bewohner von Buenos Aires, von „Porto“ = Hafen • Postura: „Haltung“ im Tanz • Quebradas: Posen, oftmals in der Körpermitte abknickend in den frühen Tangojahren • Sacada: Bein und Fuß des einen Partners dringen in den unteren (Bein-) Raum des anderen Partners ein • Tanda: Folge von drei bis vier Musikstücken der gleichen Stilrichtung oder des gleichen Orchesters auf einer Tangoveranstaltung • Tango canción: Tangolied, mit Carlos Gardels „mi noche triste“ zur Blüte gelangt • Tango Nuevo: „neuer Tango“, von Astor Piazzolla und seinen Nachfolgern entwickelter Stil, ab Ende der 60er Jahre • Tanguero, Tanguera: Tangotänzer und -tänzerin • Vals: Tango im Walzertakt, später als der eigentliche Tango entstanden, auch Vals Cruzado oder Vals Criollo genannt • Voleo: Schritt wird in Bewegung gestoppt und umgekehrt - das Bein fliegt hoch Letzte Aktualisierung ( Freitag, 21. März 2008 )
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