Tango und Afro-Argentinier. Aus der FAZ Argentinien Tango negro
Von Josef Oehrlein, Buenos Aires
Der erste Tango stammt wohl von einem Afro-Argentinier
Die Argentinier stammen von den Schiffen. Der Spruch hat wieder eine neue Bedeutung. Am Río de la Plata besinnt man sich darauf, dass die Schiffe nicht nur aus Europa, sondern auch aus Afrika kamen. Sie brachten nicht nur weiße Immigranten, Abenteurer und Glücksritter vom Alten Kontinent, sondern auch viele schwarze Sklaven. Argentinien gibt sich zwar gerne als europäisches Land, weil die indianische Urbevölkerung bis auf Reste im Norden und Süden durch kriegerische Auseinandersetzungen und Krankheiten dezimiert worden ist.
Dass es aber noch im 19. Jahrhundert einen erstaunlich großen schwarzen Bevölkerungsanteil gab, wird gerne verschwiegen. Dabei soll selbst der erste Präsident des Landes, Bernardino Rivadavia (1780 bis 1845), afrikanische Vorfahren gehabt haben. Der General Juan Manuel de Rosas ging mit seiner Tochter Manuelita zum schwarzen Karneval und zu anderen Festen seiner aus Afrika stammenden Landsleute - während er gegen die indianischen Eingeborenen der Pampa blutig zu Felde zog.
Viele Gründe für das Verschwinden der schwarzen Bevölkerung
Laut Schätzungen der Universität von Buenos Aires stammen im Großraum der Hauptstadt vier und im ganzen Land sechs Prozent der Bevölkerung von Afrikanern ab, insgesamt etwa zwei Millionen Personen. Im Jahr 1810 war noch jeder dritte Porteño schwarz, Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Buenos Aires nur noch 8000 Personen mit schwarzer Hautfarbe registriert. Genaue Zählungen wurden dadurch erschwert, dass „ein Stück Sklave“ entweder einem starken jungen Mann entsprach oder drei Alten oder mehreren Kindern. Die letzte Erhebung, bei der nach der ethnischen Abstammung gefragt wurde, fand 1887 statt. Eine Registrierung der Einwohner nach ethnischen Kriterien 1966 bis 1968 blieb unvollständig. Damals gaben 1,8 Prozent der Befragten an, schwarzer Abstammung zu sein. Zum Thema
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Für das Verschwinden der schwarzen Bevölkerung gibt es viele Gründe. Die Männer fielen in den Befreiungskämpfen gegen die Engländer, in den Unabhängigkeitskriegen und im Krieg der „Dreifachen Allianz“ 1865 bis 1870, in dem Brasilien, Uruguay und Argentinien Paraguay besiegten. Das Befreiungsheer bestand fast zur Hälfte aus schwarzen Sklaven. Ein bescheidenes Denkmal hat in Buenos Aires in der Nähe der Bahnstation Palermo der Soldat Falucho, mit richtigem Namen Antonio Ruiz, erhalten. Er war als Sklave aus Afrika gekommen, kämpfte im Befreiungsheer und wurde am 7. Februar 1824 erschossen.
In Presse und Literatur oft verachtet und verhöhnt
Die letzte noch bestehende Schwarzen-Institution in Buenos Aires war der Shimmy Club, dort tanzten die Nachkommen afrikanischer Sklaven bis 1980 Tango, spielten „Música tropical“ und Jazz. Vor allem unter Künstlern sind viele Nachfahren Schwarzer und Farbiger zu finden, darunter Tangotänzer und Jazzmusiker, der Bandoneonist Sebastián Ramos Mejía etwa oder der Klarinettist Sinforoso, ein Mulatte. Der erste Tango von einem namentlich bekannten Autor, „El Entrerriano“, stammt möglicherweise von einem Afro-Argentinier, in Dutzenden von Tangos stecken Anspielungen auf die Negros, die Schwarzen: „Negra Maria“, „Tango negro“, „Milonga de las mulatas“, „El africano“.
Während die Geschichtsschreibung Argentiniens die Schwarzen durchweg verschweigt, werden sie in Presse und Literatur früherer Zeiten oft verachtet und verhöhnt. In den „Sainetes“, den Schwänken, treten Schwarze als komische Figuren in Erscheinung. In der Zeitschrift „Caras y Caretas“ vom Anfang des 20. Jahrhunderts sind viele Witze und Karikaturen zu finden. Ein Journalist im Jahr 1907 meint es sogar noch gut, wenn er schreibt: „Der Schweißgeruch unter ihren Achseln - die Schwarzen sind nicht schuld an den Launen der Physiologie.“
In einer Reklame für das Desodorant „Edelweiß“ heißt es: „Es ist nicht gegen den Geruch der Neger gerichtet, sondern ist gedacht für elegante, gepflegte Leute, die sich um Hygiene bemühen.“ Über den Besuch der schwarzen Venus Josephine Baker 1929 in Buenos Aires war in einer Theaterzeitschrift zu lesen: „Die ganze Gefühlskunst dieser epileptischen Schwarzen ist geschaffen aus dem Rhythmus der Affen. Dieses Tier ist den Schwarzen am nächsten.“
Auch die Wissenschaft widmet sich dem Schicksal des afrikanischen Teils
Realistischer war die Behandlung der Schwarzen in der Malerei. Auf zeitgenössischen Darstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts treten sie im Straßenbild, in folkloristischen Szenen, in ehrbaren Berufen, keineswegs nur als Dienstpersonal, in Erscheinung. Benjamin Franklin Rawson hat einen würdig dreinblickenden schwarzen Besenverkäufer verewigt. Von Carlos Morel stammt ein stolzer, sehr dunkelhäutiger berittener Gaucho (1830). Die argentinische Regierung schenkte das Bild 1878 dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck.
Inzwischen widmet sich auch die Wissenschaft intensiver der Geschichte und dem Schicksal des afrikanischen Teils der argentinischen Bevölkerung. Daniel Schávelzon bezeichnet in „Das schwarze Buenos Aires“ seine Forschungen als „historische Archäologie“ in einer Stadt, die bislang den schwarzen Teil ihrer Vergangenheit verschwiegen hat. Die ersten Afrikaner - nur Männer - kamen schon mit den Eroberern und Entdeckern kurz nach der zweiten Gründung von Buenos Aires 1580 an den Río de la Plata. Kurz danach begann ein systematischer Sklavenimport. Zwischen 1612 und 1615 wurden aus Buenos Aires 4515 Sklaven ins Inland versandt, Sklavenmärkte gab es in den heutigen Straßen Belgrano und Balcarce, im Viertel Retiro, im Parque Lezama. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Sklaven in den Bogengängen des Cabildo, der früheren Stadtregierung an der Plaza de Mayo, verkauft.
Weiße Herren und schwarze Sklavinnen
Die Zwangseinwanderer vermischten sich trotz Verbots mit den einheimischen Indiofrauen, was nach landläufiger Meinung damals mit ihren „niedrigen Instinkten“ und ihrer vorgeblichen Lust zur Ausschweifung erklärt wurde. Darauf führte man auch Frauen ein, um die „wilde Sexualität“ zu befriedigen und die Paare nach katholischem Brauch verheiraten zu können. Diese Praxis wurde vor allem von den Jesuiten gefördert. Die weißen Herren sahen die schwarzen Sklavinnen als ihr Eigentum an. Mulatten machten schließlich den Großteil der Bevölkerung von Buenos Aires aus.
Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts kamen mehr schwarze Frauen als Männer ins Land, da sie als Kinderfrauen und Hausangestellte vielfältiger einsetzbar waren. Zwischen 1744 und 1822 wuchs die Bevölkerung von Buenos Aires um rund 2,2 Prozent jährlich, vor allem durch die afrikanische Zuwanderung. Die weiße Bevölkerung verdoppelte sich zwar in dieser Zeit, ihr Anteil sank jedoch von 80 auf 60 Prozent. Allein 1810 machten 18 Sklavenschiffe im Hafen von Buenos Aires fest. Viele Ankömmlinge wurden ins Landesinnere, über Córdoba, Tucumán - den wichtigsten Sklavenumschlagplatz - und Salta nach Potosí in Bolivien weiterverkauft, wo sie in den Minen die Indios ersetzen sollten, allerdings den Strapazen unter Tage nicht gewachsen waren. Die Expeditionen wurden von der Kirche mitorganisiert.
Sklavenlager, Kasernen und eine Stierkampfarena
Um 1720 besaßen die Engländer mit der South Sea Company das Monopol der Sklavenimporte aus Afrika. Auf der zentralen Plaza San Martín, heute gesäumt von teuren Touristenhotels, befand sich das Sklavenlager, später standen dort Kasernen und kurze Zeit auch eine Stierkampfarena. Die Schwarzen lebten vor allem in den heutigen Altstadt-Vierteln San Telmo und Montserrat. Auch im Parque Lezama, wo heute an Wochenenden Rockkonzerte mit dem Verkehrslärm konkurrieren, standen Ende des 18. Jahrhunderts Baracken, in denen schwarze Sklaven einquartiert worden waren.
Gehorsam gegenüber dem Bemühen der Regierungen, einen „weißen Staat“ zu schaffen, wie es etwa das erklärte Ziel des Politikers und Pädagogen Domingo Faustino Sarmiento Mitte des 19. Jahrhunderts war, wurden schwarze Vorfahren in den Familien verschwiegen, ihre Fotos und Daten verheimlicht. Den Nachfahren, bei denen negride Züge oft noch deutlich erkennbar sind, wird es erst heute wieder allmählich bewusst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP Letzte Aktualisierung ( Samstag, 09. Februar 2008 )
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