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Geschrieben von: Robert Administrator
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Montag, 29. Dezember 2008 um 22:14 Uhr |
Die offene Schulter
„Es hat lange gedauert, bis ich begriffen hatte, dass ich mich lediglich ein bisschen um meine eigene Achse drehen sollte; denn wenn mir das jemand gesagt hätte, das hätte ich verstanden, wie ich eigentlich alle einfachen Sachverhalte, wenn sie denn meinem schlichten Sprachvermögen entsprechend ausgesprochen werden, von mir nachvollzogen werden können. Schließlich bin ich nicht blöd, worüber ich mir nach einiger Tangounterweisung aber nicht mehr sicher bin.
Also was ist? Es geht um Wendungen, Bilder, Beispiele, nach denen ich mich verhalten soll, die ich aber nicht umsetzen kann, oder die in mir schreckliche Assoziationen auslösen.
Ich soll meine Schulter öffnen. Die Schulter öffnen, o Gott, ich weiß, was offene Beine sind, meine Großmutter litt darunter. Aber offene Schulter? Nicht, dass ich unwillig bin, o nein. Aber das blieb lange eins der Geheimnisse, die wie Mehltau auf meiner Seele lagen, und das in mir auslösen, was die Psychologen Insuffizienz nennen. Ich will den Tangolehrern nicht unterstellen, dass sie heimlich die Absicht hegen, mich ein bisschen zu lähmen, damit ihre Beweglichkeit besser zur Geltung kommt. Nein, ich glaube es liegt eher an einer unglücklichen Bildwahl, die aus der Not entspringt, komplexe Bewegungsabläufe sprachlich zu vermitteln. Allerdings bin ich der Auffassung, wer lange genug sich um eine sorgfältige Analyse dieser Abläufe bemüht und sie genau nach ihrer physischen Beschaffenheit beschreibt und das mit dem nötigen methodischen Instrumentarium tut, der kommt auch nicht auf so abstruse Wendungen wie Schulter öffnen, die an sich ja nicht dramatisch sind und eher zum Schmunzeln anregen, wenn sie in einer durchaus pädagogischen Situation nicht zu dem führen, was wir als Kinder mehr oder minder alle erfahren haben: Lernangst. Ich will den Tangolehrer nicht generell Dilettantismus unterstellen. Nein, dagegen stünde zweifelsfrei sein Verdienst um die Verbreitung dieser schönen Tätigkeit. Aber warum gebärdet er sich so schulmeisterlich und glaubt, eine Sprache entwickeln zu müssen, die Eindruck macht und das Gegenteil von Klarheit bewirkt. Ich kann ihm sogar die vielen Argentinismen nachsehen, die machen ein bisschen Stimmung und den Tango geheimnisvoll. Aber wenn er schon unsere schöne deutsche Sprache benutzt und damit auch noch Neues schöpft, dann doch um Himmels willen nicht so was wie Schulter öffnen.
Folgsam wie ich bin, hab ich bei preußischer Steifheit des Oberkörpers, es hat mir ja keiner gesagt, ich solle mich lediglich ein bisschen um meine eigene Achse drehen, mein rechtes Schultergelenk bis zur schmerzhaften Verzerrung verdreht, ohne dass meine Partnerin sich zu einer tänzerischen Reaktion veranlasst gesehen hätte. Sie schaute sich meine Bemühung eher belustigt an, wo mir doch sehr nach Beistand gewesen wäre, geschweige denn dass ich Führungsqualität bewiesen hätte. „Tut mir leid“, sagte sie, „ich versteh nicht, was du führst.“ Sie ist als Geführte von dem Recht auf diese Äußerung erfüllt. Viel später, als sie merkte, dass sie nicht mehr so oft aufgefordert wurde und selbst führen lernte, hat sie Abbitte getan. Ein später Trost für mich.
Die Schulter zu öffnen ist ohne Betäubung physiologisch nicht möglich. Hätte mir doch nur einer gesagt, dass nur eine kleine Drehung meines Oberkörpers vonnöten gewesen wäre, ich hätte davon nicht so viel Aufhebens gemacht und Ihnen das alles hier erspart. Woher ich denn heute weiß, wie es geht? Das hat mit dem Gesetz des freien Marktes zu tun. Da wird dir nicht gesagt, wie es geht, da musst du dich durchfressen. Und irgendwann hast due es trotzdem geschnallt oder du bleibst im untersten Niveau. Nun kommen Sie um Himmels Willen nicht auf den naheliegenden Schluss, Tanzlehrer erfänden derartige Metaphern, um den Unterricht in die Länge zu ziehen. Marktwirtschaftliche Absichten von solcher Abgefeimtheit mach ich selbst meinem ärgsten Feind nicht unterstellen, und außerdem zähle ich alle meine Tangolehrer eher zu meinen Freunden. Also um es abzuschließen, statt mich vergeblich um das Öffnen meiner Schulter zu bemühen, dreh ich mich einfach um meine eigene Achse etwas nach rechts, um meiner Partnerin den eleganten Vorbeimarsch an meiner Front zu eröffnen, die das inzwischen sehr wohl zu schätzen weiß. Wie sagt doch diese Fernsehtante, alles wird gut.“
Albrecht Schnitzer ist Autor des Buches „Tango amore – die Angst vor dem Glück Band 1“ aus dem dieser Text stammt. Außerdem sind von Albrecht Schnitzer erschienen: „Tango mortale“ und „Tango amore – die Angst vor dem Glück Band 2“
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Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 15. Februar 2011 um 21:25 Uhr |

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