Artikel aus der "Tango Danza" Nr. 3/2008
Der Tangovirus breitet sich aus
Lust und Frust lassen immer mehr neue Milongas entstehen
„Nostalgietango“ nennen Peter und Monika Ripota ihre Milongas in Freising.
Zuweilen verlieren sich 150 m² großen Spiegelsaal der Standardtanzschule die wenigen Tangopaare. Aber die persönliche Atmosphäre spricht sich bereits herum. „Bei uns bleibt niemand sitzen“, darin sind sich Peter Ripota mit Gerhard Riedl aus Pfaffenhofen einig. Die Arroganz, mit der „Aliens“, so Gerhard Riedls ironische Formulierung, zuweilen in München behandelt werden, war der Auslöser, eigene Milongas zu organisieren.
Kein Wochenende ohne Milonga
Ohne Verein mit neuen Konzepten entstehen landauf, landab immer mehr kleine Milongas. Wie ein Virus breitet sich Tango aus. Vor 20 Jahren mauserte sich München, die heimliche Hauptstadt Deutschlands, zum Tangozentrum südlich der Donau, strahlte aus nach Augsburg und Regensburg, von dort nach Passau, Landshut und Eichstätt. Jetzt boomt der Tango selbst in kleinen Orten. Wer kennt schon Pfaffenhofen? Trotzdem waren in der ersten Milonga vor knapp einem Jahr fast 60 Tangotänzer da. In Freising, gar nicht so weit entfernt, zur gleichen Zeit gestartet, ist die Nachfrage nicht so groß. Es gibt hier nur wenig Tangopaare. Deggendorf hat überhaupt keine Tangoszene und trotzdem seit einem Jahr jeden Monat eine Milonga. Hier fehlen versierte Tangolehrer, solche unterrichten in Abensberg, allein hier fehlt ein ansprechendes Ambiente. (Hast du dazu eine Meinung Reinhard???)
Ambitionierte Tangotänzer
Gemeinsam haben alle neuen Tangolocations, dass sie von ambitioenießen das spezielle Tangoflair direkt an der Donau, zumal DJ(Name????) sehr abwechslungsreiche Musik präsentiert.
In Eichstätt gibt es zwar schon etliche Jahre Tango. Eine große Szene entwickelte sich dennoch nicht. Ob es an der klerikalen Struktur Eichstätts liegt, bleibt Vermutung. Doch die kleine Tangofamilie ist begeistert. Getanzt wird einmal im Monat im denkmalgeschützten Herzogbräu,(der sich im Familienbesitz von Christoph Kemeter befindet u. ausschließlich für Tango genutzt wird. Der Eintritt für die Milonga deckt lediglich die Heizkosten im Winter. Er hat auch den Tango in 2001 nach Eichstätt geholt.)dessen Charme auch schon Arte für Filmaufnahmen entdeckt hat, oder im Sommer ganz spontan, in romantischer Kulisse, im Hofgarten Pavillion der Uni. Darüber hinaus gibt es in Eichstätt halbjährlich ein Tangokaffe, wo auch mal über 70 Tangotänzer aus der Umgebung sich treffen. Regelmäßig, wöchentlich freuen wir uns in Eichstätt von Dina u.Gregorio Garrido aus Nürnberg(Tangoschmiede) unterrichtet zu werden.
Die Zeiten sind vorbei, als man drei Stunden fahren musste, um drei Stunden zu tanzen, man nur in der „Tangoeinehe“ als Paar zum Tanzen kam oder als Singlefrau mehr in der Rolle der Zuschauerin zu verharren konnte. Inzwischen kommen auch schon Münchner, Nürnberger und Regensburger nach Eichstätt. So wird das Eichstätter Motto Tango „sind Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen“ allmählich auf breiterer Basis erlebbar.
„Tango sozial“
Ganz in der Nähe entwickelte Gerhard Riedl mit seiner Frau mit „Tango sozial“ ein ganz spezielles Konzept. Nach einer halbstündigen Übungsmöglichkeit beginnen die Milongas, „auf der keine/r sitzen bleibt.“ Auf den Pfaffenhofener Milongas wird bislang noch jede Frau zum Tanzen geholt. „Es geht keine Frau geht nach Hause, ohne getanzt zu haben“, so die Parole. Gerhard Riedl tanzt auch gerne mit Anfängerinnen. „Das ist spannend, dann ich weiß, ob ich führen kann.“ Die Pfaffenhofener Milongas warten immer einer kleinen Überraschung auf: nicht nur mit abwechslungsreicher Musik durch die 120-jährige Tangogeschichte, auch mit so mancher lukullischer Verführung, selbst gemachte Rumkugeln oder Schokoladenkuchen. Auf dem Land muss man den Besuchern schließlich wirklich etwas bieten, damit sie wiederkommen.
Milongas ohne Vereinsstruktur
Gemeinsam haben die neuen kleinen Milongas, dass sie größtenteils ohne Vereinsstruktur ins Leben gerufen werden. Tanzschulen vor Ort oder Gastronomiebetriebe bieten günstige Räumlichkeiten. So bleiben die Eintritte sehr niedrig oder entfallen ganz. Die Organisatoren müssen sich weder um Getränke, noch um die Gema kümmern, haben kaum ein Risiko zu tragen und sparen Zeit. Die Vernetzung funktioniert bestens. Manche benutzen sogar dieselben E-Mail-Adresslisten. Die Mundpropaganda ist nicht zu unterschätzen. Insider wissen das vielseitige Angebot zu schätzen. Irgendwo ist immer eine Milonga. Man besucht sich gegenseitig und stimmt die Termine ab. Die menschliche Offenheit wird zum Markenzeichen. Man wird immer herzlich begrüßt, auch als „Alien“, bekommt sofort Anschluss und fühlt sich integriert.
Längst hat sich das völlig abgelegene „Brückerl“ am Langwieder See zum Geheimtipp entwickelt. Alle sitzen um einen großen Tisch und jeder tanzt mit jedem. „Anfangs ging es schleppend“, erinnert sich Heidrum Konradt, die das „Brückerl“ für den Tango entdeckte. „ Bei uns ist alles ländlich. Anfangs kehrten Neugierige, wenn sie durch´s Fenster schauten und sahen, wie der Hund auf der Tanzfläche lag und die Paare herumtanzten, schnurstracks um.“ Gerhard Riedl sieht das ganz anders. In seinem ironischen „Kleinen Milonga-Führer “ schreibt er „Auf der Flucht vor Hund und Katz habe ich mehr Aktionen gelernt als bei allen Tangolehrern zusammen“. Inzwischen schätzen auch die Münchner die ländlich-mediterrane Atmosphäre des „Brückerls“, vor allem im Sommer, wenn draußen im Biergarten getanzt wird. „Hier kommt man wirklich zum Tanzen und es sind immer super Tänzer da,“ das ist das Markenzeichen der neuen Tangoszene.
Michaela Schabel
www.tangomuenchen.de
www.tangodanza.de/nuevo
www.solo-tango.de
www.robertstango.de
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